Festungsminenwerfer: Tiefe Bereitschaft oder Ausserdienststellung?

In seiner Stellungnahme vom 9.5.2012 zur Motion 11.4135 von Ständerat Paul Niederberger betreffend die Ausserdienststellung von Rüstungsgütern versichert der Bundesrat: «Hingegen kommt es zu keinen Liquidationen von modernen Systemen, was eine Nutzung solcher Systeme im Sinne von Ersatzteillagern nicht ausschliesst. So wurde die Ausserdienststellung von Festungsminenwerferanlagen gestoppt;» In der Armeebotschaft 2018 beantragt der Bundesrat dem Parlament die Ausserdienststellung der Festungsartillerie in den Jahren 2019 – 2024.

Der 12 cm Festungsminenwerfer (Fest Mw) ist eine Steilfeuerwaffe mit zwei glatten Rohren (Doppelmörser), die in einem Artilleriebunker (Monoblock) eingebaut ist. Im Monoblock sind alle für den Einsatz notwendigen technischen Installationen wie Feuerleitstelle und Übermittlungsmittel sowie Munition und weitere Versorgungsgüter untergebracht. Die Vorteile des Fest Mw sind seine hohe Einsatzbereitschaft, der hohe Schutz von Mannschaft und Waffe, die hohe Präzision, die Integration in das Waffensystem (Wf Syst) der Artillerie sowie die Versorgungsautonomie. Aufgrund des Standardkalibers 12 cm steht eine grosse Auswahl gängiger Munitionssorten zur Verfügung. Der Doppelmörser erreicht aufgrund eines automatisierten Ladevorganges eine Feuerkadenz von 24 Schuss pro Minute; was einer Batterie der mobilen Artillerie mit 6 kampfwertgesteigerten Panzerhaubitzen M109 entspricht. Bis ins Jahr 2003 wurden entlang der Hauptachsen und der Landesgrenze ungefähr 100 Fest Mw Monoblocks für rund 1 Mrd. Fr. gebaut. Mit den Fest Mw werden die Kampftruppen in ihrem Raum mit Artilleriefeuer unterstützt.

Aussenansicht 12 cm Fest Mw.

Armeebotschaft 2018

Mit der Armeebotschaft 2018 unterbreitet der Bundesrat dem Parlament die ersatzlose Ausserdienststellung aller Fest Mw. Das Wf Syst zur Abwehr eines mit Panzerverbänden vorgetragenen Angriffes hätte mit der veränderten Lage an sicherheitspolitischer und militärischer Bedeutung verloren. Die Verteidigung basiere heute auf mobilen Kräften. Ausserdem hätten moderne Präzisions- und Abstandswaffen den Nutzen von ortsfesten Wf Syst stark verringert. Die Fest Mw seien seit Jahren nur minimal instandgehalten worden und seien nicht mehr einsatzbereit. Weiter seien seit 2012 keine Truppen mehr vorhanden, welche die Fest Mw bedienen könnten. Vor allem argumentiert der Bundesrat aber mit Einsparungen von 1,5 Mio. Fr. beim Betriebsaufwand. Der einmalige Aufwand für die Ausserdienststellung wird mit 25 Mio. Fr. beziffert. Zwei weitere Varianten sind geprüft worden. Bei der Variante «tiefe Bereitschaft» geht es um den Erhalt des Wf Syst, damit es für eine allfällige spätere Nutzung wieder aktiviert werden könnte. Bei der Variante «minimale Grundbereitschaft» geht es um den Erhalt eines minimalen Bestandes von 10% aller Wf Syst, während der Rest ausser Dienst gestellt würde.

Veränderte Bedrohung und mobile Kräfte

Der mit Panzerverbänden vorgetragene, mit indirektem Feuer und aus der Luft unterstützte mechanisierte Angriff hat in allen militärischen Konflikten seit dem Fall der Berliner Mauer stattgefunden. Eine reine Orientierung an Wahrscheinlichkeiten bei der Bedrohungsanalyse greift zu kurz. Es sind die in Europa heute vorhandenen Potentiale an konventionellen Wf Syst, die in den letzten Jahren wieder aufgerüstet worden sind, bei der Beurteilung der gefährlichsten gegnerischen Möglichkeit zu berücksichtigen. Dem Argument, dass es verbunkerten Wf Syst an Mobilität fehle, ist zu entgegnen, dass das Artilleriefeuer unabhängig vom feuernden Wf Syst immer hoch mobil ist. Im Falle des Fest Mw umfasst der Einsatzbereich 360°, und die Reichweite beträgt rund 10 km.

Moderne Präzisions- und Abstandswaffen

Beim Fest Mw handelt es sich um ein Waffensystem der taktischen Stufe, während die erwähnten modernen Präzisions- und Abstandswaffen (Raketenartillerie und Luftwaffe) auf operativer oder strategischer Stufe eingesetzt werden. Nur die modernsten Armeen verfügen über eine geringe Anzahl dieser bunkerbrechenden Wf, welche in erster Priorität gegen Führungs- und Kommunikationsinfrastrukturen eingesetzt werden. Um keine lohnenden Ziele für Luftangriffe abzugeben, wurden die Fest Mw entlang der Hauptachsen verteilt.

Geschützraum 12 cm Fest Mw.

Einsatzbereitschaft

Dem Argument, dass es heute keine Truppen zur Bedienung der Fest Mw mehr gäbe, ist entgegenzuhalten, dass in der artilleristischen Feuerführung und Feuerleitung bei den Fest Mw dieselben Einsatzverfahren wie bei der mobilen Artillerie gelten. Das artilleristische Wissen ist in den mit der WEA verbleibenden vier Artillerieabteilungen vorhanden. Mit dem Rüstungsprogramm 2014 hat das Parlament den Kauf von 32 mobilen 12 cm Mörsersystemen als Ersatz für die 2009 ausser Dienst gestellten Panzerminenwerfer für rund 404 Mio. Fr. bewilligt. Ausgehend von einer Einführung bei der Truppe im Jahr 2023 wird damit nach rund 14 Jahren die Fähigkeitslücke in der unmittelbaren Feuerunterstützung auf kurze Distanz zu Gunsten der Kampfbataillone geschlossen. Bei der allfälligen Reaktivierung der ausser Dienst gestellten Fest Mw ist von einer noch längeren Zeitspanne auszugehen.

Betriebsaufwand und Investitionskosten

Die folgende Tabelle zeigt die jährlichen Betriebs- und die einmaligen Investitionskosten der in der Armeebotschaft 2018 erwähnten Varianten.

Tab. 1

Darin zeigt sich, dass bei einer isoliert betriebswirtschaftlichen Sichtweise die Variante «Ausserdienststellung» obsiegt. Allerdings sind die Einsparungen beim Betriebsaufwand von 1,5 Mio. Fr. gegenüber der Variante «tiefe Bereitschaft» im Vergleich zum Armeebudget klein. Ausserdem verursacht auch die Ausserdienststellung Investitionskosten bzw. sicherheitspolitische Entsorgungsgebühren von 25 Mio. Fr. zur Vernichtung von Rüstungsgütern mit einem Anlagewert von rund 1 Mrd. Fr. zu Anschaffungskosten. Für die Wiedererlangung der vollen Einsatzbereitschaft der Fest Mw rechnet der Bundesrat mit Investitionskosten von 250 Mio. Fr.

Fazit

Aus den oben genannten Gründen sind die verbunkerten Doppelmörser (Fest Mw) in tiefer Bereitschaft zu halten. Die geringen Vorwarnzeiten, die latente Bedrohung durch die in Europa vorhandenen Potentiale zur konventionellen Kriegsführung und die instabile sicherheitspolitische Lage verlangen nach der Bildung von Reserven. Die bezüglich Schutz, Präzision, Reichweite und Mobilität des Feuers modernen und funktionsfähigen 12 cm Fest Mw, welche aufgrund der steilen Flugbahn für den Kampf im überbauten Gelände geeignet sind, leisten hier einen wertvollen Beitrag und decken die artilleristische Grundlast ab, während mit der mobilen Artillerie Schwergewichte gebildet werden. Der dafür notwendige Betriebsaufwand von 2 Mio. Fr. beträgt 0,4 Promille des Verteidigungsbudgets von 5 Mrd. Fr. pro Jahr. Wohingegen mit der Ausserdienststellung Anlagenwerte von 1 Mrd. Fr. vernichtet und die Investitionen der Vergangenheit damit nutzlos würden.

Die hier verwendeten Bilder stammen aus der Mediathek des VBS.

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